Nordkirche - Hauptbereich 1

Nordkirche - Hauptbereich 1

Schwerpunktziele der Arbeit des Hauptbereichs 1

1. Entwicklung eines profilierten landeskirchenweiten Konzepts für die Gemeindepädagogik in der Nordkirche

2. Die Plausibilität religiöser Bildung im öffentlichen Raum stärken

3. Lernen in Heterogenität: „Da kann ja jede_r kommen!“

1. Schwerpunktziel

Entwicklung eines profilierten landeskirchenweiten Konzepts für die Gemeindepädagogik in der Nordkirche

Das gemeindepädagogische Handeln in der Nordkirche wird durch unterschiedliche Antriebsmomente aus Ost und West geprägt. Das Zusammenkommen dieser unterschiedlichen Antriebsmomente in einer gemeinsamen Kirche bietet die Chance, die Stärken beider Traditionen aufeinander zu beziehen, so dass ein gemeinsames und klar erkennbares Konzept zur Gestaltung des „Zusammenhangs von Leben, Glauben und Lernen“  entsteht und Gemeindepädagogik ihr Profil als „zentrale Grunddimension kirchlicher Arbeit“  gewinnt.
Eine solche Profilierung zu erreichen, ist ein Schwerpunktziel der Arbeit des Hauptbereichs Aus- und Fortbildung in den nächsten 7 Jahren, also bis zum Jahr 2020.

Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts haben in ihrer Theologie eine Reihe weitreichender Neuorientierungen vollzogen. Eine dieser Neuorientierungen bezog sich auf die Verantwortung eines jeden Christenmenschen für den eigenen Glauben: Diese Verantwortung, so die Überzeugung der Reformatoren, können Menschen nicht an eine Institution Kirche oder an ein geistliches Amt delegieren. Vielmehr steht nach ihrer Auffassung jeder Christenmensch in einer ganz eigenen, unmittelbaren Verantwortung für die Gestaltung seines Gottesverhältnisses. Diese Gestaltung haben die Reformatoren als eine Bildungsaufgabe begriffen: Möglichkeiten für eine selbstverantwortete Bildung des eigenen Glaubens zu schaffen, war und ist deshalb in den Kirchen der Reformation direkte Folge dieser reformatorischen Bestimmung des Gottes-verhältnisses: „Für die Reformatoren war Bildung an erster Stelle deshalb so wichtig, weil sich jeder und jede Einzelne aus der Bibel belehren können sollte. Insofern kann Bildung als ein dem Glauben selbst innewohnendes Motiv bezeichnet werden.“   
Wie sich „dieses dem Glauben selbst innewohnende(s) Motiv“ der Bildung in der Kirche gestaltet, wird in Deutschland seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts unter dem Begriff Gemeindepädagogik diskutiert. Antriebsmomente der damaligen Diskussion waren

  •  
  • „im Westen unter anderem die Erkenntnisse aus der ersten Mitgliedschaftsstudie der EKD (1974) über den Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen, die Bildungsreform in den 1970er-Jahren und die Suche nach einem neuen Verhältnis zwischen Theologie und Pädagogik in Religionspädagogik und kirchengemeindlichen Zusammenhängen.
  • In ostdeutschen Landeskirchen spielten vor allem Überlegungen zur Weiterentwicklung des Katechumenats (Christenlehre, Konfirmandenarbeit, konfirmierendes Handeln) sowie zum Gemeindeaufbau eine wichtige Rolle.“  

In der Nordkirche kommen diese beiden unterschiedlichen, das gemeindepädagogische Handeln nach wie vor prägenden Antriebsmomente aus Ost und West in einer gemeinsamen Kirche zusammen und können einander ergänzen und – wo nötig – korrigieren.

Der Hauptbereich Aus- und Fortbildung setzt sich dafür ein, dass am Ende dieses Prozesses des Zusammenkommens ein landeskirchenweites gemeindepädagogisches Konzept entsteht, das u. a. durch folgende didaktische Grundsätze sein Profil gewinnt:

 

  • a. Adressaten- und Lebensweltorientierung
  • b. Traditionsorientierung
  • c. Dialogorientierung
  • d. Gemeindeorientierung
  • e. Gemeinwesenorientierung
  • f. Orientierung an Standards des „Service Learning“
  • g. Orientierung am Inklusions-Index des HB 1
  • h. Wissenschaftsorientierung


Die Achtung dieser didaktischen Grundsätze würde eine „Gemeindepädagogik der Vielfalt“  entstehen lassen, die die „Bindung an den Auftrag ihres Herrn Jesus Christus und“ die „darin begründete(n) Freiheit“  nicht nur inhaltlich-thematisch, sondern auch methodisch-didaktisch abbildet. Sie würde gemeindepädagogische Prozesse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus unterschiedlichen Milieus und mit verschiedenen Begabungen öffnen.

nach oben

2. Schwerpunktziel

Die Plausibilität religiöser Bildung im öffentlichen Raum stärken

Wir wollen dazu beitragen, dass Schulleitungen und Schulräte, Eltern und Elternvertreter_innen religiöse Bildung in der Schule nicht nur als einen grundgesetzlich verankerten, sondern auch als einen die Schulkultur bereichernden und für die Persönlichkeitsentwicklung von Schülern_innen sinnvollen Teil des Bildungsauftrags von öffentlicher Schule fordern und fördern.

Der Religionsunterricht verschwindet an vielen Schulen nicht aufgrund programmatischer Ablehnung, sondern still und leise, weil sein Beitrag zum Bildungsauftrag von Schule unklar ist. Er hat an den vielen Schulen weder in den Schulleitungen noch in den Eltern oder im Lehrerkollegium eine starke Lobby: Die Relevanz religiöser Bildungsprozesse im öffentlichen Bildungsraum Schule ist Entscheidungsträger_innen im System Schule sowie Eltern und Elternratsvorsitzenden etc. – zumindest prima facie – häufig nicht bewusst. Man vergleiche nur die Zahl der Anrufe von besorgten Eltern bei Schulleitungen oder Schulrät_innen im Fall des längeren Ausfalls von Deutsch oder Mathematik mit der Zahl ebensolcher Anrufe bei Nichterteilung von Religionsunterricht.

In der Folge kommt es zu hohen Ausfallquoten; in der Kontingentstundentafel „verschwindet“ der Religionsunterricht schleichend durch Kombinationen mit anderen Fächern, überwiegend wird die pädagogische Verantwortung für den Unterricht in die Hände von fachfremd Unterrichtenden gelegt.

Diese Situation stellt für die Nordkirche deswegen eine besondere Herausforderung dar, weil in den neuen Steuerungslogiken von Schule Schulleitungen de jure und Eltern de facto eine entscheidende Rolle spielen. Die Nordkirche hat exzellente Kontakte in die zuständigen Behörden/Ministerien, jedoch als Landeskirche kaum strukturierte Kontakte zu Eltern sowie Schullei-tungen und Schulräten.

In dieser Situation müssen neben die Angebote zur Qualitätssicherung und -entwicklung des Religionsunterrichts und neben die etablierten Kontakte in die Ministerien/Behörden gezielte Maßnahmen zu seiner Plausibilisierung insbesondere bei den Entscheidungsträger_innen im System Schule und Eltern treten. Mit seinem zweiten Schwerpunktziel trägt der Hauptbereich Aus- und Fortbildung in den nächsten vier Jahren zu einer solchen Plausibilisierung bei.

 nach oben

3. Schwerpunktziel

Lernen in Heterogenität: „Da kann ja jede_r kommen!“:

Wir wollen dazu beitragen ,dass im Jahr 2018 pädagogische Fachkräfte in der Nordkirche und Religionslehrer_innen die Heterogenität ihrer Unterrichtsgruppe auf eine solche Weise aufnehmen, dass alle Beteiligten diese Weise als Gewinn erleben.  

Die Bundesländer Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein haben in Sachen Inklusion in den letzten Jahren eine Reihe von Schulgesetznovellen und/oder andere Initiativen auf den Weg gebracht, um den mit der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention (BRK) verbundenen Rechtsansprüchen zu genügen. Bei aller Unterschiedlichkeit dieser Initiativen ist ihnen gemeinsam, dass Schulen und Lehrer_innen sich in aller Regel mit den Inklusions-Aufgaben überfordert fühlen. In keinem Bundesland sind Lehrer/innen für diese Aufgaben bisher angemessen aus- oder fortgebildet. Die Schulen sind infrastrukturell in der Regel nicht so ausgestattet, dass Schüler_innen mit und ohne Behinderungen inklusives Lernen als Gewinn erleben.


Inklusion ist für viele zu einem pädagogischen Reizwort geworden, mit dem sich Unmut und Frustration verbinden. Es besteht die Gefahr, dass die politische Umsetzung der BRK zu einer zweiten Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen führt, weil ihre Beschulung in allgemeinbildenden Schulen von Lehrer_innen, Schüler_innen und deren Eltern unter den gegebenen Bedingungen nicht selten als Behinderung erlebt wird.


Diese Situation kann der Hauptbereich nicht grundsätzlich ändern. Was der Hauptbereich jedoch leisten kann, ist, gemeinsam mit Lehrer_innen und pädagogischen Fachkräften der Nordkirche kleine Schritte zu suchen und zu versuchen, um den „Mehrwert“ gemeinsamen Lernens erlebbar machen.
Dies geschieht unter Rückgriff auf jüdisch-christliche Traditionen, die gängige Vorstellungen von Stärke und Schwachheit relativieren und teilweise auf den Kopf stellen: den in den Augen der „Welt“ Schwachen so zu begegnen, dass diese ihre eigene Stärke und Würde (wieder)entdecken, gehört von Anfang an zum Handlungsrepertoire von Christ_innen. Die Vielfalt der Schöpfung und Geschöpfe im Willen Gottes begründet zu begreifen, eröffnet einen achtsamen Zugang zu allen Menschen. Dass der Mensch mehr ist, als er kann, und gar nicht alles können müssen soll, relativiert Leistungsansprüche. Das Christentum stellt theologische Denk-figuren zur Verfügung, die in eine „Pädagogik der Vielfalt“  übersetzt werden können, die die Heterogenität jeder Lerngruppe konstruktiv aufnimmt.   


In pädagogischen Zusammenhängen schillert die Bedeutung des Begriffs Inklusion zwischen drei Bedeutungsvarianten:
a)    Hier und da wird er gleichbedeutend mit dem Begriff der Integration verwendet. In dieser Bedeutungsvariante bezeichnet er ein Zusammenspiel von Menschen, bei dem eine Mehrheitsgesellschaft Werte und Verhaltensweisen normativ vorgibt und von Minderheiten fordert bzw. Minderheiten darin fördert, sich möglichst optimal an diese normativen Vorgaben anzupassen.
Diese Bedeutungsvariante ist in Deutschland nach wie vor das Standardmodell zur Beschreibung z. B. des Verhältnisses von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Es war über Jahrzehnte das Deutungsmodell für die Beziehung von Menschen mit und ohne Behinderungen.
b)    In einer zweiten Bedeutungsvariante steht der Begriff der Inklusion für eine neue Bestimmung des Verhältnisses zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Bei dieser Variante geht es um die Beschreibung eines Verhältnisses unter bewusstem Verzicht auf normative Wert- und Verhaltensvorgaben. Vorstellungen von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften werden zugunsten einer differenzierten Wahrnehmung eines jeden Individuums überwunden: Ausgangspunkt für die Beschreibung des Miteinanders von Menschen mit und ohne Behinderungen ist das spezifische Begabungsspektrum eines jeden Menschen. Ziel des Miteinanders ist es, Verfahren gemeinsamen Arbeitens, Lernens und Lebens zu entwickeln, in denen eine optimale Förderung und Entfaltung der jeweiligen Begabungen erreicht wird.  
c)    In einer dritten Bedeutungsvariante wird die bereits unter b) zum Ausgangspunkt allen weiteren Denkens und Handelns gemachte Individualität von der Verbindung mit dem Thema Behinderung abgelöst: Heterogenität ist in dieser Variante als unhintergehbare Voraussetzung für jede mögliche Verhältnisbestimmung von Menschen erkannt. Sie in pädagogischen Prozessen nicht nur zu achten, sondern als Antriebsfeder gemeinsamer Lernprozesse zu nutzen, wird zum Ziel inklusiven pädagogischen Handelns.


Aufgrund theologischer Überlegungen macht der Hauptbereich die dritte Bedeutungsvariante zur Grundlage seines pädagogischen Handelns und entwirft von dort aus auch Handlungsoptionen für das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Behinderungen.

nach oben

Quellen der Zitate: AZAB, S. 10 ff.